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Zwei ungleiche Brüder

Werner Kofler und Gert Jonke

Samstag, den 26. März 2022 um 19h
Kleiner Bambergsaal, Villach, Moritschstraße 2
Eine Veranstaltung der Gert-Jonke-Gesellschaft

An der Schwelle zum Start in einen künstlerischen Lebensweg, als sie ihre ersten dichterischen Versuche wagten, begegneten einander Werner Kofler und der um ein Jahr ältere Gert Jonke zum ersten Mal persönlich. Es war dies auch die Lebensphase des Übergangs von der Kindheit zum Erwachsenwerden, eine Jugendzeit, die von beiden zwar an verschiedenen Orten – der eine in Villach, der andere in Klagenfurt –, aber auf demselben „harten“ Kärntner Boden erlebt wurde, in einer Gesellschaft von Menschen, die meist, und zwar seit der frühesten Kindheit, auf die jeweils widerlichst mögliche Weise nicht nur uns, sondern auch einander gegenseitig bekämpften aufgrund ihrer ihnen – vermute ich – gar nicht anders möglichen, nicht nur lustfeindlichen, sondern auch kunstfeindlichen, phantasiefeindlichen Nachkriegsmoral, die alles Schöpferische mit verbitterter Abscheu, und zwar das auch noch mit kriegsartigen Gewaltgedichten aufs Widerlichste zu überschütten pflegte (Gert Jonke, aus Begegnung mit Werner Kofler).

… Was also die ersten Veröffentlichungen der 16jährigen anbetrifft, hatte Jonke einen gewissen »Startvorteil«, indem er, Sohn einer Pianistin, (…) seine modernen Gedichte sogleich in einer Fachzeitschrift, nämlich im BOGEN, DER BOGEN, Dokumente neuer Dichtung, veröffentlichte; die Redakteurin dieser Zeitschrift befand sich wiederum in Villach, in Villach-Lind, um genau zu sein, in der Praxis des praktischen Arztes Dr. Heinz Pototschnig, nur wenige Häuser vom Textilgeschäft meines Vaters entfernt. Ich hingegen, mit Operette und Wunschkonzert großgeworden, mußte einen Umweg über Tageszeitungen nehmen, vor allem über die Kärntner Volkszeitung, die, wie Sie ja wissen werden, nicht mit der Pekinger Volkszeitung zu verwechseln gewesen ist …(Werner Kofler, aus Zwei ungleiche Brüder).

… und schließlich waren wir eines Tages beide beinahe gleichzeitig einander gegenübergestanden, und zwar an der Wohnungstür meiner Kindheitswohnung, die ich, weil es geläutet hatte, geöffnet hatte, und draußen stand ein junger Mann, mit, und das war damals geradezu ein lebensgefährliches Wagnis, blonden schulterlangen Haaren, ähnlich wie 150 Jahre zuvor der revolutionäre Musiker Hector Berlioz, und dieser Mann fragte mich, ob ich der gedichteschreibende Jonke sei, oder ob er sich darin irre, denn dann würde er sofort wieder gehen und sich entschuldigt haben …(Gert Jonke, aus Begegnung mit Werner Kofler).

Damit war eine private und künstlerische Lebensfreundschaft geboren, in der sich die individuell verschiedenen Zugänge und Methoden zur Dichtkunst entwickeln konnten.

Die Gert-Jonke-Gesellschaft nimmt den herannahenden 75. Geburtstag von Werner Kofler (23. Juli) zum Anlaß, dieser Lebensfreundschaft zu Gert Jonke – er wäre im vorigen Jahr ebenfalls 75 Jahre geworden – ein Literarisches Kolloquium zu widmen.

Im ersten Teil des Abends wird der Jugendzeit von Kofler und Jonke aus ihrer eigenen Beobachtung und späteren künstlerischen Verarbeitung im Mittelpunkt stehen; Auszüge aus Koflers örtliche verhältnisse und Guggile – vom Bravsein und vom Schweinigeln werden Jonkes frühen Gedichten und dem Geometrischen Heimatroman gegenübergestellt, alles Werke der 1960er und frühen 1970er Jahre. Im Gegensatz dazu der zweite Teil mit Beispielen aus viel späteren Werken der beiden Dichter, die die markanten Unterschiede in künstlerischer Herangehensweise und Ausdrücklichkeit zeigen: Koflers Mutmaßungen über die Königin der Nacht (1989) oder Zu Spät (2010 – gleichsam ein „Abschiedswerk“) – Jonkes Erwachen zum großen Schlafkrieg (1982) oder Die versunkene Kathedrale (2006).

Die Texte werden von Gerti Drassl und Antonio Fian zum Vortrag gebracht. Antonio Fian, selbst mit Werner Kofler befreundet, erinnert sich in zwei kurzen Erzählungen persönlich an „Lehrer Kofler“.

Konzeption und Gestaltung: Martin Polasek

Die Veranstaltung wird vom Land Kärnten/Kultur und der Stadtgemeinde Villach unterstützt.

In Kooperation mit der Gert-Jonke-Gesellschaft:

CD-Präsentation

GEOMETRIE DER SEELE

anlässlich des 75. Geburtstags von Gert Jonke am 8. Februar 2021

Präsentationskonzerte:
Wien / Porgy & Bess: 4. Februar 2021
Klagenfurt / Robert Musil Literatur Museum: 6. Februar 2021

Auf der CD GEOMETRIE DER SEELE hat Komponistin und Vokalistin Susanna Ridler dem Dichter ein persönliches musikalisches Denkmal gesetzt – vom Jazz-Trio bis zur orchestral anmutenden Filmmusik. Ihre Hommage ist eine Erinnerung an den großen österreichischen Schriftsteller: „Seine Werke verdienen stets neue Aufmerksamkeit, ihr Zauber ist ungebrochen und subtil durchdrungen von Aktualität“ (Susanna Ridler).

„Halt den Mund, du Hund!“, entrüstet sich der Dichter Gert Jonke. Zu wem spricht er in „Der Mund“? Nur ein Klavier verfolgt den entfesselten Dichter – in einem Pas de deux – mit hartnäckigen Linien. „Der Mund“ ist auf der CD „Geometrie der Seele“ nur eine der ungewöhnlichen, markanten Kompositionen von Susanna Ridler, die wie ein Miniatur-Musiktheater wirken. Nicht nur in diesem imaginären kunstvollen Duell zwischen Jonke und Klavier entführt GEOMETRIE DER SEELE in einen Kosmos der Formenvielfalt und der Multistilistik.

Da sind Jazzballaden ebenso wie adagiohafte symphonische Momente und orchestral anmutende Filmmusik. Vokale Exkurse entführen ins Unbewusste einer sich erklärenden Dichterseele; zwischendurch überrascht auch eine „Wort-Ton-Fuge“. Und: Kompositorisch veredelte Improvisationen zwischen Vokalistin Susanna Ridler, Saxofonist Wolfgang Puschnig und Bassist Peter Herbert demonstrieren ebenfalls die extreme Ausdrucksvielfalt dieser Produktion.

Geometrie der Seele CD Cover

Nominierung auf der Longlist 1/2021 für den Preis der deutschen Schallplattenkritik – Rubrik „GRENZGÄNGE

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